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20. Oktober 20267 Min. Lesezeit

Was bleibt für IT-Freelancer übrig, wenn KI übernimmt?

Freelancing AI Career

Ich bin seit 20 Jahren IT-Freelancer, heute als Frontend-Architekt und Coach. In dieser Zeit habe ich einige Umbrüche erlebt. Dieser fühlt sich anders an.

Die meisten Texte zum Thema KI und Freelancing beruhigen: KI ersetzt nur Routine, Erfahrung werde wertvoller, wer sich anpasst gewinnt am Ende. Hier mal ein anderer Ansatz...

Wofür wir eigentlich gebucht wurden

Seien wir ehrlich: Die meisten Freelancer wurden nie gebucht, weil ein Unternehmen unser Urteilsvermögen brauchte. Sie wurden gebucht, weil das Team das Backlog nicht schaffte. „Wir brauchen zwei Angular-Entwickler für sechs Monate" war jahrelang der typische Auftrag.

Der zweite Grund war, Teams besser zu machen: Wissen ins Haus holen, Entwickler coachen, Standards etablieren. Beides kann KI inzwischen zumindest teilweise übernehmen. Sie schreibt den Code und erklärt ihn dem Team gleich mit, rund um die Uhr und ohne Kündigungsfrist.

Die KI muss dabei nicht besser sein als ein Freelancer. Sie muss nur gut genug sein, damit der Einkauf die Stelle nicht mehr ausschreibt.

Dazu kommt die aktuelle Lage. Die meisten Firmen warten ab: Sie halten ihre Leute, stellen aber weder ein noch entlassen sie. Für Festangestellte ist das eine Phase der Unsicherheit. Für Freelancer ist es bereits die Krise.

Denn Externe sind der Puffer. Wer abwartet, verlängert keine Verträge und bucht keine neuen. Freelancer spüren den Wandel deshalb zuerst, noch bevor klar ist, wie er ausgeht.

Die Rückzugsorte sind zu klein

Die übliche Beruhigung lautet: Den Code schreibt die KI, aber Architektur, Reviews, Anforderungsanalyse und Beratung bleiben beim Menschen. Das mag stimmen. Das Problem ist nicht, ob diese Tätigkeiten überleben, sondern wie viele Köpfe sie brauchen.

Ein Projekt, das früher acht Entwickler beschäftigt hat, braucht vielleicht noch eine Person, die Architekturentscheidungen trifft. Und diese Person sitzt meist schon im Unternehmen.

KI macht mittlerweile auch Architekturvorschläge, findet Fehler im Review und formuliert User Stories aus einem Meeting-Protokoll. Die Rückzugsorte sind real, aber dort ist nicht Platz für alle, die gerade aus der Umsetzung verdrängt werden.

Senior oder Junior: Der Freelancer verliert in beiden Fällen

Niemand weiß gerade, wohin die Reise geht. Brauchen Unternehmen künftig erfahrene Entwickler, die mit KI gute Arbeit leisten? Oder reichen Juniors, um dasselbe zu schaffen? Pessimistisch betrachtet ist die Antwort für Freelancer egal, denn beide Szenarien gehen schlecht aus.

Szenario A, Seniors mit KI: Ein erfahrener Entwickler mit KI ersetzt ein kleines Team. Dann braucht ein Unternehmen nur noch wenige Seniors, und die hat es meist schon intern. Sie kennen das System, die Leute und die Politik, warum also einen teuren Externen holen?

Szenario B, Juniors mit KI: Wenn ein Junior mit KI liefert, was früher ein Senior lieferte, wird Erfahrung entwertet. Genau Erfahrung verkaufen Senior-Freelancer aber, zu entsprechenden Stundensätzen. Dann ist der Externe überflüssig und obendrein der teuerste Posten auf der Liste.

Freelancer setzen darauf, dass Erfahrung wertvoller wird. Doch selbst wenn das stimmt, profitieren davon zuerst die Erfahrenen, die schon im Unternehmen sitzen. Ich gehöre selbst zu denen, die auf Szenario A hoffen, und weiß nicht, ob die Rechnung aufgeht.

Produktiver, aber nicht reicher

Kunden lesen dieselben Schlagzeilen wie wir: Mit KI sind Entwickler doppelt so schnell. Daraus ziehen sie eine einfache Schlussfolgerung: Dann soll es auch nur halb so viel kosten.

Das trifft zuerst das Stundenmodell. Wer nach Stunden abrechnet und mit KI schneller wird, verdient weniger, denn der Produktivitätsgewinn landet beim Kunden. Wer dagegen langsam arbeitet, um die Stunden zu halten, ist nicht mehr konkurrenzfähig.

Der Ausweg „dann eben Festpreise" klingt gut, hilft aber wenig. Der Kunde kennt die Abkürzung inzwischen selbst, schätzt den Aufwand notfalls mit Hilfe der KI und hält jedes Angebot für überteuert.

Der Wettbewerb tut sein Übriges. Weil die Arbeit weniger wird, drängen mehr Freelancer um weniger Aufträge, und wer leer ausgeht, senkt den Preis. Die Stundensätze geraten von zwei Seiten unter Druck: durch die Kunden und durch die Kollegen.

Die Sätze sinken bereits. Ob das an der KI liegt oder an der allgemeinen Marktlage, lässt sich kaum trennen. Aber genau das ist das Problem.

Früher folgte auf eine Flaute ein Aufschwung, und mit ihm kamen Aufträge und Sätze zurück. Diesmal lernen Unternehmen in der Flaute, mit weniger Leuten auszukommen. Die Delle könnte zum neuen Normal werden.

Der Kontextvorteil schmilzt

Das stärkste Argument für Menschen lautet meist: KI kennt das System nicht. Sie kennt nicht die Geschichte des Projekts, die ungeschriebenen Regeln und die Fallstricke im Legacy-Code.

Dieses Argument verliert an Kraft. KI-Agenten bekommen Zugriff auf Repository, Tickets, Wiki und Chatverläufe. Sie sind noch nicht perfekt darin, große Codebasen zu erfassen, aber sie holen auf.

Für Freelancer kommt etwas Unangenehmes hinzu: Ausgerechnet sie haben am wenigsten Kontext. Sie kommen von außen, bleiben ein paar Monate und gehen wieder.

Das Einarbeiten eines Freelancers war schon immer ein Kostenfaktor, den Kunden in Kauf genommen haben. Das Einarbeiten einer KI kostet fast nichts. Das Argument „KI fehlt der Kontext" schützt deshalb vor allem die Festangestellten, die seit Jahren im System stecken.

Verantwortung bleibt beim Menschen, aber nicht beim Freelancer

Am Ende muss ein Mensch geradestehen: für Sicherheitslücken, Ausfälle und falsche Entscheidungen. Das stimmt, aber wer ist dieser Mensch? In fast allen Unternehmen ist es jemand Internes, der Teamlead, der Product Owner oder der CTO.

Er gibt den Pull Request frei und trägt die Verantwortung gegenüber der Geschäftsführung. Ob der Code vorher von einem Freelancer oder von einer KI kam, ändert daran wenig.

In Deutschland kommt noch etwas hinzu. Die meisten Freelancer arbeiten im Dienstvertrag, nicht im Werkvertrag: Sie schulden ihre Arbeitszeit, kein Ergebnis. Und wegen der Scheinselbstständigkeit achten viele Kunden darauf, Externe gerade nicht zu tief in Entscheidungsstrukturen einzubinden.

Verantwortung war also nie unser Verkaufsargument. Sie taugt jetzt auch nicht als Rettungsanker. Zumal Unternehmen beim Risiko pragmatisch sind: Ist die KI-Lösung fast so gut und deutlich billiger, nehmen viele das Restrisiko in Kauf.

Wer kommt nach?

Wenn Firmen nicht mehr einstellen, trifft es zuerst die Juniors. Einstiegsaufgaben wie kleine Bugfixes, einfache Komponenten oder Tests übernimmt die KI. Damit fehlt der Weg, auf dem Entwickler früher Erfahrung gesammelt haben.

Aus genau diesen Leuten wurden später Seniors und oft auch Freelancer. Das Berufsbild trocknet also von unten aus: Es kommen kaum Neue nach, Netzwerke dünnen aus, Vermittler ziehen sich zurück. Gleichzeitig verliert die Branche das Wissen, wie Systeme eigentlich funktionieren.

Man kann das auch anders lesen. Wenn kaum Nachwuchs kommt, werden die verbleibenden Seniors in zehn Jahren knapp und damit wertvoll. Vielleicht. Es ist eine Wette, deren Ausgang niemand kennt, und ob man dann noch im Markt ist, um sie einzulösen, ist eine zweite.

Was realistisch übrig bleibt

Es bleibt etwas, aber für deutlich weniger Leute. Ich sehe vier Inseln.

Die offensichtlichste ist die Feuerwehr: Wenn ein System brennt, ein Projekt kippt oder ein KI-generierter Codeberg nicht mehr wartbar ist, holt man jemanden, der aufräumt. Gut bezahlt, aber kurz, unregelmäßig und kaum planbar.

Dann die tiefe Spezialisierung. Wer in einer engen Nische wirklich zu den Besten gehört, wird weiter gebucht. Das sind per Definition wenige.

Regulierte Umfelder wie Banken, Medizin, Behörden und kritische Infrastruktur bremsen die KI-Einführung durch Compliance und Haftungsfragen. Das ist eher ein Aufschub als ein dauerhafter Schutz.

Und schließlich Vertrauen und Netzwerk: Kunden, die seit Jahren mit einem bestimmten Menschen arbeiten, bleiben bei ihm. Neue Kunden auf diesem Weg zu gewinnen wird aber schwerer.

Für die breite Masse, die bisher solide Umsetzungsarbeit geleistet hat, bleibt wenig: weniger Aufträge, niedrigere Sätze, längere Pausen. Manche gehen zurück in die Festanstellung, sofern es dort Stellen gibt, andere verlassen die Branche. Übrig bleibt nicht ein Beruf, sondern eine Handvoll Nischen, und um jede davon gibt es mehr Bewerber als Plätze.

Keine Entwarnung

Wer behauptet, für IT-Freelancer werde sich nicht viel ändern, verkauft Beruhigungstabletten. Wer trotzdem bleiben will, hat nur wenige Hebel: sich auf eine der Inseln stellen, sich so tief spezialisieren, dass er dort zu den Ersten gehört, und das Netzwerk pflegen, solange es trägt. Eine Garantie gibt es dafür nicht.

Ich werde genau das versuchen. Nicht, weil ich sicher bin, dass es reicht, sondern weil ich keine bessere Option sehe. Wenn du selbst Freelancer bist: Ich bin gespannt, wie du das siehst.