Zum Inhalt springen
← Alle Artikel
04. November 20269 Min. Lesezeit

Lohnt es sich in Deutschland noch, IT-Freelancer zu sein?

Freelancing Career

Wenn Angestellte den Stundensatz eines Freelancers hören, rechnen sie meist schnell im Kopf: 95 Euro mal 40 Stunden mal 52 Wochen, das sind fast 200.000 Euro im Jahr. Die Realität sieht anders aus...

Ich bin seit 2009 Freelancer und habe diese Rechnung oft genug selbst aufgestellt. Hier ist sie einmal ehrlich, mit gerundeten Beispielwerten. Danach kommen die Posten, die in den üblichen Rechnern fehlen.

Was vom Stundensatz übrig bleibt

Als Beispiel nehme ich einen Satz von 95 Euro. Das ist ungefähr der Median, den freelancermap 2026 für IT-Freelancer angibt.

Von 250 Werktagen gehen 30 Tage Urlaub ab, 10 Tage Krankheit und 10 Tage für Akquise, Buchhaltung und Verwaltung. Bleiben 200 Tage, also 1.600 Stunden. Dazu kommt die Lücke zwischen Projekten. Rechnet man mit drei Monaten ohne Auftrag alle drei Jahre, fehlen pro Jahr noch einmal rund 130 Stunden. Übrig bleiben knapp 1.500 abrechenbare Stunden und rund 140.000 Euro Umsatz.

Davon zahlt der Freelancer alles, was beim Angestellten zur Hälfte der Arbeitgeber übernimmt:

Posten pro Jahr
Umsatz 140.000 €
Kranken- und Pflegeversicherung −15.000 €
Altersvorsorge auf Niveau der Rentenversicherung (beide Hälften) −18.000 €
Arbeitslosenversicherung, Berufsunfähigkeit, Haftpflicht −4.000 €
Hardware, Software, Steuerberater, Kurse −6.000 €
Bleibt vor Einkommensteuer 97.000 €

Zum Vergleich ein angestellter Senior-Entwickler mit 80.000 Euro brutto im Jahr. Das liegt im üblichen Rahmen: Der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit nennt für Softwareentwickler in Vollzeit einen Median von rund 6.300 Euro brutto im Monat. Nach seinem Anteil an der Sozialversicherung bleiben dem Angestellten rund 64.000 Euro vor Steuer, und er ist kranken-, renten- und arbeitslosenversichert.

Auf dem Papier liegt der Freelancer also gut 30.000 Euro vorn. Das ist der Moment, an dem die meisten Rechnungen aufhören.

Die Posten, die in keinem Rechner stehen

Erstens das Ausfallrisiko. 2024 meldete ein Vermittler, über den ich gearbeitet habe, Insolvenz an. Meine Arbeit von Juni bis Mitte September wurde nie bezahlt, das waren dreieinhalb Monate. Das Projekt war am selben Tag weg, obwohl der Endkunde zufrieden war. Danach brauchte ich noch einmal dreieinhalb Monate, um kurzfristig ein neues Projekt zu finden. Zusammen waren das sieben Monate ohne Einkommen.

Die dreieinhalb Monate Projektsuche stecken schon in der Lücke, mit der die Rechnung oben arbeitet. Die dreieinhalb Monate Arbeit, für die nie Geld kam, sind darin aber nicht enthalten. In der Beispielrechnung sind das rund 40.000 Euro. Angestellte bekommen in so einem Fall Insolvenzgeld für die letzten drei Monate. Freelancer melden ihre Forderung an und warten auf eine Quote. Passiert so etwas einmal in 15 Jahren, kostet es umgelegt knapp 3.000 Euro pro Jahr. Dazu kommt der Satz, zu dem man danach aus der Not wieder einsteigt.

Zweitens die Abfindung. Sicher ist sie nicht: Wer selbst kündigt, bekommt keine, und nicht jeder bleibt 15 Jahre in derselben Firma. Wer aber nach langer Betriebszugehörigkeit betriebsbedingt gehen muss, bekommt meist eine. Der gesetzliche Richtwert nach § 1a Kündigungsschutzgesetz ist ein halbes Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr. Nach 15 Jahren mit 80.000 Euro Gehalt sind das 50.000 Euro, umgelegt gut 3.000 Euro pro Jahr. Dazu kommen Kündigungsfristen von mehreren Monaten und danach Arbeitslosengeld. Ein Freelancer bekommt am Ende eines Projekts seine letzte Rechnung bezahlt, wenn alles gut geht.

Drittens lange Krankheit. In der Rechnung stecken zehn Krankheitstage im Jahr. Ein Angestellter bekommt bei längerer Krankheit sechs Wochen lang sein volles Gehalt, danach Krankengeld von rund 70 Prozent des Bruttos, gedeckelt an der Beitragsbemessungsgrenze. Ein Freelancer hat in den ersten Wochen gar kein Einkommen und danach nur, wenn er einen Krankengeldanspruch oder eine Krankentagegeldversicherung abgeschlossen hat. Fällt er drei Monate aus, fehlt ihm ein Viertel des Jahresumsatzes.

Viertens die Weiterbildung in der Freizeit. Wer als Freelancer einen neuen Stack lernt, macht das meist abends und am Wochenende. Rechnet man mit 150 Stunden im Jahr, sind das knapp vier Arbeitswochen, die niemand bezahlt. In Euro lässt sich das schlecht umrechnen, weil man diese Stunden ohnehin nicht hätte abrechnen können. Angestellte bekommen solche Zeit häufiger in der Arbeitszeit. Warum man als Freelancer um diese Stunden nicht herumkommt, zeigt der Abschnitt zum Technologiewandel weiter unten.

Fünftens der Elternunterhalt. Kommen die Eltern ins Pflegeheim und reicht ihr Geld nicht, zahlt das Sozialamt und kann sich das Geld von den Kindern zurückholen. Seit 2020 gilt dafür eine Grenze von 100.000 Euro Jahreseinkommen. Beim Angestellten zählt das Bruttogehalt, beim Freelancer der Gewinn, und zwar vor Krankenversicherung und Altersvorsorge. Der Angestellte mit 80.000 Euro liegt darunter. Der Freelancer aus der Beispielrechnung liegt mit rund 134.000 Euro Gewinn deutlich darüber, obwohl ihm nach Versicherungen und Vorsorge nur 97.000 Euro bleiben. Die Grenze trifft ihn also früher, als sein tatsächliches Einkommen vermuten lässt. Dazu kommt, dass die Bundesregierung die Grenze senken oder ganz streichen will. Beschlossen ist das bisher nicht.

Zieht man Ausfallrisiko und Abfindung ab, bleibt ein Vorsprung von rund 27.000 Euro vor Steuer. Davon geht noch Einkommensteuer ab, bei diesen Einkommen mit einem Grenzsteuersatz von rund 42 Prozent. Netto bleiben knapp 16.000 Euro im Jahr, rund 1.300 Euro im Monat. Dafür arbeitet der Freelancer vier Wochen im Jahr unbezahlt und trägt das Risiko einer langen Krankheit selbst.

Alle paar Jahre von vorn

Die Lücke zwischen Projekten ist in der Rechnung oben kein Pessimismus. Sie ist in Deutschland ein Teil des Modells.

Der Grund heißt Scheinselbstständigkeit. Kaum ein Unternehmen weiß genau, wann ein Freelancer als scheinselbstständig gilt, und seit dem Herrenberg-Urteil des Bundessozialgerichts von 2022 ist die Unsicherheit eher größer geworden. Die Folge ist selten ein klares Nein. Häufiger ist es eine stille Regel: Nach zwei oder drei Jahren endet die Zusammenarbeit. Nicht, weil der Kunde unzufrieden wäre, sondern weil niemand das Risiko tragen will, falls die Rentenversicherung genauer hinsieht.

Mich hat das schon 2016 getroffen. Nach zwei Jahren bei einem Luftfahrtkonzern war Schluss, weil der Chef des Dienstleisters, über den ich dort eingesetzt war, eine Fernsehdoku über Scheinselbstständigkeit gesehen hatte. Mit meiner Arbeit hatte das nichts zu tun. Seitdem habe ich dasselbe bei vielen Kollegen erlebt: Kündigungen, die niemand wollte, aus Angst vor einem Problem, das niemand genau beschreiben konnte.

Für den Freelancer heißt das: Er sucht regelmäßig ein neues Projekt, arbeitet sich in ein neues System ein und verhandelt neu, oft aus einer schwächeren Position als der, in der er gerade war.

Das Netzwerk trägt weniger, als man denkt

Die übliche Antwort lautet: Dafür hat man ja sein Netzwerk. In der Praxis hilft es seltener, als es sollte.

Teams, in denen man gearbeitet hat, gibt es nach ein paar Jahren nicht mehr. Die Leute sind gewechselt, die Abteilung wurde umgebaut. Firmen, bei denen man gern gesehen war, stellen keine Freelancer mehr ein, wegen der Scheinselbstständigkeit oder aus Kostengründen. Und je länger ein Projekt zurückliegt, desto weniger Leute sind noch da, die man anrufen könnte. Nach zehn Jahren ist von einem Kundenkontakt meist nur noch ein Name in LinkedIn übrig.

Dazu kommt das Timing. Anfragen kommen fast immer dann, wenn man gerade ausgelastet ist. Wenn man selbst sucht, ist es still. Das Netzwerk hilft also vor allem dann, wenn man es gerade nicht braucht.

Was 20 Jahre Technologiewandel kosten

Als ich anfing, war Java EE mit JSF Standard in jedem Konzern. Ein paar Jahre später wollte jeder Spring Boot im Backend und Angular im Frontend. Heute fragen Kunden, wie man KI-Agenten in die Entwicklung bringt. Wer 2012 JSF-Experte war, findet dafür heute kaum noch Projekte.

Jeder dieser Wechsel kostet den Freelancer dasselbe: Er lernt den neuen Stack in seiner Freizeit, baut Referenzen auf und muss dann den ersten Kunden finden, der ihm die neue Technologie abkauft, obwohl er sie noch nicht in drei Projekten eingesetzt hat. Ein Angestellter wechselt meist mit, wenn die Firma migriert, und lernt dabei auf Firmenkosten.

Das Bittere daran ist: Am Ende dieser Arbeit steht kein höherer Satz. Man hat nur verhindert, dass er sinkt.

Die Rolle „Entwickler" stagniert

Das lässt sich in Zahlen zeigen. Laut Freelancer-Kompass von freelancermap lag der durchschnittliche Stundensatz im Bereich Entwicklung 2016 bei 74 Euro und 2025 bei 94 Euro. Das sind rund 27 Prozent mehr. Die Verbraucherpreise sind im selben Zeitraum um etwa 28 Prozent gestiegen. Real hat ein Freelance-Entwickler 2025 also so viel verdient wie 2016. 2026 ist der Durchschnittssatz über alle Bereiche zum ersten Mal seit Beginn der Erhebung nicht mehr gestiegen.

Bei mir sieht es genauso aus. Mein Satz ist seit 2009 nominal um gut 40 Prozent gestiegen, die Preise auch. Mehr verdient habe ich in guten Jahren durch mehr Stunden, nicht durch einen besseren Satz.

Für Angestellte sieht es kaum besser aus. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Vollzeitbeschäftigte in der Branche IT-Dienstleistungen 2010 im Schnitt rund 4.460 Euro brutto im Monat und 2021 rund 5.560 Euro, jeweils ohne Sonderzahlungen und über alle Berufe der Branche. Das sind 25 Prozent mehr bei 17 Prozent Inflation, real also etwa 6 Prozent in elf Jahren oder gut ein halbes Prozent pro Jahr. Neuere Werte lassen sich nicht direkt anschließen, weil die Erhebung 2022 umgestellt wurde.

Die Rolle „Entwickler" wird also für beide kaum besser bezahlt als vor zehn Jahren. Der Unterschied liegt darin, wer den Weg heraus bezahlt. Der Markt bezahlt Freelancern die Rolle, nicht die Erfahrungsjahre. „Angular-Entwickler, Vollzeit, sechs Monate" hat einen Marktpreis, und der ändert sich nicht, nur weil man es seit 15 Jahren macht. Ein Angestellter kann in seiner Firma zum Lead oder Architekten werden. Man kennt ihn, gibt ihm die neue Aufgabe und bezahlt ihn, während er hineinwächst. Freelancer werden für das gebucht, was sie nachweislich schon gemacht haben.

Im Freelancer-Kompass liegt der Bereich Beratung und Management 2025 bei durchschnittlich 120 Euro. Der Weg dorthin führt über eine andere Rolle: Architektur, Beratung, Schulung, Führung. Nur befördert einen als Freelancer niemand. Den Wechsel muss man sich nebenbei erarbeiten, sichtbar machen und dann jemanden finden, der einen in der neuen Rolle als Erster bucht. Wieder in der Freizeit, wieder auf eigenes Risiko.

Lohnt es sich also?

Rein rechnerisch: ja, aber deutlich weniger, als der Stundensatz vermuten lässt. Rund 1.300 Euro netto im Monat bleiben nach allen Posten mehr übrig als beim Angestellten, zumindest solange die Auslastung stimmt, man gesund bleibt und kein Vermittler ausfällt. Für dieses Plus lernt man allerdings regelmäßig einen neuen Stack in der Freizeit, sucht alle paar Jahre ein neues Projekt und verzichtet auf Kündigungsschutz, Abfindung und Insolvenzgeld.

Wirklich lohnend wird es erst, wenn man aus der Rolle „Entwickler" herauskommt. Das ist möglich, aber es ist ein zweiter Job neben dem ersten. Wer als Freelancer nur gut entwickeln will, verdient real dasselbe wie vor zehn Jahren und arbeitet dafür mehr unbezahlte Stunden als ein Angestellter.

Dazu kommt die KI, die gerade genau die Umsetzungsarbeit übernimmt, für die Freelancer bisher gebucht wurden. Darüber habe ich im letzten Artikel geschrieben.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Lohnt sich IT-Freelancing für euch? Was macht ihr anders? Schreibt mir gern in den Kommentaren.